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Ein unglaublicher Skandal! Disziplinarverfahren gegen Professor Heinz Gess

Eine Stellungnahme von Clemens Heni und Peter Bierl:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde und Kollegen,

Wir wenden uns an Euch mit der Bitte um Hilfe und Solidarität wegen eines Disziplinarverfahrens, das die Rektorin der Fachhochschule Bielefeld, Professor Dr. Beate Rennen-Allhoff, Anfang Juni gegen Professor Heinz Gess eingeleitet hat. Vorgeworfen wird Gess, seine Pflichten als Beamter verletzt zu haben. Er habe dem Ansehen der Behörde geschadet und insbesondere gegen die Verschwiegenheitspflicht verstoßen.

Es geht um einen Artikel, den wir beide verfasst haben, und den Heinz Gess auf der
von ihm betrieben Homepage kritiknetz.de unter dem Titel “Grün-braune Liebe zur
Natur: Die NSDAP als “grüne Partei” und die Lücken der Naturschutzforschung”
veröffentlicht hat.

Das Disziplinarverfahren bezieht sich auf eine Nachbemerkung von Gess. Er verweist
darin auf die Tatsache, dass Werner Haverbeck (1909-1999, Abb. rechts mit strammem
Hitlergruß) ab 1972 mehrere Jahre lang an der FH Bielefeld als Professor für
Sozialwissenschaft wirken konnte. Haverbeck war Mitglied der NSDAP-Reichsleitung,
des NS-Studentenbundes und der SA sowie Leiter des NS-Reichsbundes für Volkstum und
Heimat. In der Bundesrepublik war Haverbeck von 1974 bis 1982 Präsident des
rechtslastigen Umweltverbandes “Weltbund zum Schutz des Lebens” und Mitunterzeichner
des so genannten Heidelberger Manifestes von 1981, in dem die Forderung “Ausländer
raus” pseudoökologisch verbrämt erhoben wurde. Haverbeck war Mitbegründer des so
genannten Collegium Humanum in Vlotho in Niedersachsen, einer rechtsextremen
Tagungsstätte, wo sich unter anderem 1984 das “Komitee zur Vorbereitung der
Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Führers” (KAH) traf. Die Einleitung des
Disziplinarverfahrens begründet Rektorin Rennen-Allhoff mit folgender Passage des

Textes von Gess: “Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang noch, dass der Werner Haverbeck an der FH
Bielefeld ungeachtet seiner Nazi-Karriere und neofaschistischen Aktivitäten
ungestört seinen ideologischen und politischen Geschäften nachgehen und seine
verdorbenen Früchte als “Professor für Sozialwissenschaft” unter die Studierenden
bringen konnte, ohne je dafür an der FH in die Kritik zu geraten und ohne dass das
Rektorat der FH es je für nötig gehalten hätte; sich von seinem Tun oder seinen
Schriften zu distanzieren, dass aber dasselbe Rektorat (nicht in persona) und dessen
Personalabteilungsleiter es für dringlich hält, sich von dem Herausgeber dieser
Seite und der “Internetzeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft” das
Kritiknetz, ausdrücklich zu distanzieren.”

Gess habe seine Dienstpflichten verletzt, weil er damit Maßnahmen der Verwaltung
öffentlich kritisiert habe, urteilt die FH-Rektorin. Wir halten es für einen
Skandal, dass jemand mit einem Disziplinarverfahren überzogen werden soll, der
darauf hinweist, dass ein ehemaliger hochrangiger NSDAP-Funktionär und in der
Bundesrepublik prominenter Nazi-Aktivist an der FH Bielefeld Karriere machen konnte.
Damit soll ein Wissenschaftler mundtot gemacht werden, der einen solchen Vorgang
öffentlich benennt.

Verschwiegenheitspflicht kann nicht heißen, die Einstellung eines alten Nazis zu
vertuschen und das nach über 30 Jahren. Pikant ist, dass einen Monat zuvor, Anfang
Mai 2008, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) das von Haverbeck gegründete
Collegium Humanum wegen rechtsextremer Umtriebe verboten hat.

Wir fordern die sofortige Einstellung des Disziplinarverfahrens gegen Heinz Gess und
eine Entschuldigung der Rektorin. Wir fordern, die einschlägigen Archive zu öffnen
und von unabhängigen Historikern klären zu lassen, wie es möglich war, dass
Haverbeck an der FH Bielefeld Dozent werden konnte. Wir verlangen – sofern aufgrund
des zeitlichen Abstandes noch möglich – diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die
Haverbeck gedeckt und seine Karriere ermöglicht haben.

Wir bitten Euch, diesen Vorgang publik zu machen, dieses Schreiben
weiterzuverbreiten, sowie beim Wissenschaftsministerium des Landes
Nordrhein-Westfalen gegen das Disziplinarverfahren gegen Heinz Gess zu protestieren.
Wir haben dafür einen Musterbrief verfasst, den Ihr benutzen könnt. Solltet Ihr
einen solchen Brief schicken, bitte gebt uns Rückmeldung.

Die Journalisten unter Euch bitten wir, über diesen Vorfall in ihren Medien zu
berichten. Für Rückfragen stehen wir zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Clemens Heni und Peter Bierl

1 Kommentar

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